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Geschichten aus Belgien

Vom Suchdienst-Chef zum Enkel-Brüsseler


Klaus-Peter Mittermaier mit Enkel Henri nach der Schule im Park (Foto: pa)

Klaus-Peter Mittermaier mit Enkel Henri nach der Schule im Park (Foto: pa)

Brüssel/München. Irakkrieg, Afghanistan, Tsunami in Asien, Reaktorunfall in Japan – Wer nach Katastrophen oder Kriegen auf Lebenszeichen von Angehörigen wartet, findet seit 1945 Hilfe beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in München. Klaus-Peter Mittermaier arbeitete 20 Jahre als dessen Direktor. Nächsten Dienstag wird ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Dafür kehrt er in seine Geburtsstadt München zurück aus Brüssel, wo er seit vier Jahren lebt. Unsere Korrespondentin Patricia Dudeck traf den 69-Jährigen in seinem „Wohnzimmer“.

Sein verschmitztes Lächeln steckt Klaus-Peter Mittermaier ständig in den Mundwinkeln. Wenn er auf Französisch mit den Cafébesuchern über die Fußballübertragung flachst. Oder mit einem deutschen Freund über Brüssel als „Kunstmittelpunkt der Welt“ philosophiert. Im Café Saint Martin, unweit des Brüsseler Jubelparks kennen den Rentner fast alle unter dem Namen Boris. Sein Künstlername sozusagen. Denn hier studiert er die Menschen und schreibt ihre Geschichten auf. Das Café ist sein ausgelagertes Wohnzimmer inklusive Gesellschaft – „altersgerechtes Wohnen“, nennt er das. Und da ist es wieder, das Lächeln.

Tagsüber ist er voll bei Enkel Henri eingespannt. Vor vier Jahren folgte Mittermaier seiner Tochter Jana nach Brüssel und ist für den Sechsjährigen da, während sie arbeitet. Von der Schule abholen, dreimal die Woche Fußballtraining, samstags anfeuern beim Spiel – Opa Klaus handelt den Spross als  künftigen Oliver Kahn. Ein Freund nennt Mittermaier den „Enkel-Brüsseler“, weil er wegen Henri in die Stadt kam. Er ist einer der wenigen im Café, der Mittermaiers wahren Namen kennt, und weiß was dessen ehemalige Arbeit für Millionen von Deutschen bedeutete.

Ende des zweiten Weltkriegs waren 30 Millionen Menschen voneinander getrennt – Soldaten, Zivilisten, Kinder. Viele fanden sich selbst wieder. Etwa 17 Millionen Schicksale klärte der Suchdienst auf. Bis heute erreichen München unzählige Briefe mit Hoffnung. Ohne Wissen, wo der Vater, Bruder oder Ehemann zwischen Berlin und Wladiwostok verblieben ist – auf welchem Kontinent. Eine Million Fälle sind noch ungeklärt.

Suchdienstleiter zu werden, war kein Jugendtraum. Auch wenn sein Vater selbst aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Das Reisen ist seine Leidenschaft seit der Jugend: Mit dem 48er VW Kübel über 4000 Kilometer ans Nordkap, in Finnland Goldschürfen. Per Anhalter nach Kalkutta. Den Wehrdienst wollte er um alles in der Welt auf dem Segelschulschiff Gorch Fock. Um in dessen 40 Meter hohen Mastbäumen klettern zu dürfen, verpflichtetet er sich für drei Jahre – über den Atlantik Kanaren, Island und zurück in den Heimathafen Kiel. Das Schiff hinterließ allerdings ein beängstigendes Andenken: Höhenkoller. Doch seine Zeit auf See bleibt für ihn großartig.

Mit 23 ging er von Bord, obwohl sie i

hm mit der Urkunde „Marineoffizier auf Lebzeiten“ winkten. Mittermaier ging studieren, Geografie an der Technischen Universität München. Seinerzeit war das Institut gerade im Paradigmenwechsel: die älteste Wissenschaft der Welt wurde zur Sozialwissenschaft mit Städte- und Regionalplanung, heute selbstverständlich. Mit 28 Jahren übernahm er dort mit Diplom eine Dozentenstelle, vertrat eine werdende Mutter. „Ich war ein kleiner Fisch, neben Professoren, von denen einer das Ruhrgebiet umgestaltet hat.“ Er war fast 40, verheiratet und hatte mittlerweile drei Kinder, als die Kollegin zurückkam. Ohne Zögern räumte er ihren Platz.

Klaus-Peter Mittermaier blogt unter biergartensplitter.wordpress.com (Foto: Kpm)

Klaus-Peter Mittermaier bloggt unter biergartensplitter.wordpress.com (Foto: Kpm)

Ein schicksalhafter Tag, wie sich später herausstellen sollte. Denn wenige Stunden später las er in der Süddeutschen die Stellenanzeige vom Roten Kreuz: Abteilungsleiter gesucht. „Im ersten Moment hatte der Begriff Suchdienst etwas Detektivisches. Das reizte mich.“ Er stellte sich vor. Doch statt in München einer Antwort zu harren, zog ihn die Abenteuerlust für zwei Monate nach Papua Neuguinea. Damals kaum erforscht. Weiße waren seltene Gäste. Ein Stamm veranstaltete daher ein Fest zu seinen Ehren. Briet ein Ferkel im Erdloch und bot ihm den halbrohen Schwanz als Delikatesse an. „Beim Essen verzog ich keine Miene, doch gemundet hat’s mir nicht.“ Zwischendurch rief er zu Hause an. Seine Frau öffnete das gerade eingetroffene Kuvert mit dem roten Kreuz, las und sagte: „Ja, sie haben dich genommen.“

In den insgesamt 25 Dienstjahren Mittermaiers erschloss der Suchdienst neue Archive in Sankt Petersburg und Podolsk. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion machten sie den größten Deal mit Moskau, sie handelten zwei Millionen Akten von Kriegsgefangenen aus. 50 Millionen Karteikarten werden seit einigen Jahren digitalisiert.
Gewissheit schaffen, ist für die Angehörigen das Wichtigste, weiß Mittermaier: „Trauerarbeit fängt erst mit dem Wissen um die Grabstelle an und nicht solange jemand noch auftauchen kann.“ Allein in seinem letzten Dienstjahr 2006 konnten sie tausende Schicksale klären. Nicht immer waren Technokraten und Bürokraten erfreut über seine unkonventionellen Methoden, sagt er: „Jemand der sich nicht direkt mit den individuellen Fällen befasst, kann sie nicht verstehen und würdigen.“

Unter den Verschollengeglaubten sind einige schlichtweg abgetaucht. Nach der Flucht aus der DDR zum Beispiel. Zig Frauen suchten nach den abgehauenen Vätern ihrer Kinder, um Unterhalt einzufordern. „Es gibt so viele Schicksalsvarianten.“
Mittermaier war nie ein Bürohocker. Neben dem Suchdienst leitete er seit 1982 für das Internationale Rote Kreuz zahlreiche Auslandseinsätze: Im Irankrieg und Armenien. Hilfskonvois nach Polen. Aus Nigeria vertriebene ghanaischen Arbeiter. Einsatzleitung nach dem Tsunami in Sri Lanka 2005 und Wirbelstürmen in Myanmar.

Den Katastrophenschutz in Bangladesch nennt er das wichtigste Projekt seines Lebens. Das dichtbesiedelte Land liegt kaum über dem Meeresspielgel. Wirbelstürme suchten es oft heim. 1970 starben dabei eine Million Menschen. 1985 war Mittermaier das erste Mal dort, nachdem ein Wirbelsturm durch ein paar hunderttausend Hütten pflügte und eine sechs Meter hohe Welle vor sich her trieb, die alles unter sich begrub. „Wellblechdächer flogen wie Rasierklingen durch die Luft.“ Hier half es nicht, neue Hütten aufzubauen. Mittermaier dachte weiter: Er sprach mit dem Ältestenrat und allen, die etwas zu sagen hatten und entwickelte mit einem indischen Kollegen ein Konzept. Es musste eine Plattform auf Betonstelzen her. Unter dem das Meer beim nächsten Mal hindurch donnern konnte. Nur als Mittelpunkt des Gemeindelebens würde die Anlage instand gehalten werden. Der indische Rote Kreuz Präsident war pessimistisch, dass die Regierung dies zuließ. Mittermaier blieb hartnäckig. Schließlich war der Minister für Wiederaufbau begeistert. Bei der Genfer Spenderkonferenz appellierte Mittermaier an das Verantwortungsbewusstsein: „Sonst machen wir uns bei der nächsten Katastrophe mitschuldig.“ Zwar ließen sich die Generalsekretäre  dann für „ihr“ Entwicklungsprojekt feiern, „ließen sich einfliegen, kassierten Orden und flogen wieder heim. Doch wichtig war, dass sie es bezahlten.“

Seine Erlebnisse hält er fest: Ein Buch über den Suchdienst hat er geschrieben, „biergartensplitter“ nennt er seine Internetseite mit Abenteuern und Gesellschaftskritik. Per Bahn bereist er jede Ecke Belgiens und fotografiert Graffiti, Kirchen und Menschen. Immer wenn Henri ihm frei gibt. Wie nächsten Dienstag (20. Dezember 2011), wenn er in München diesen Orden bekommt.

Zum Blog von Klaus-Peter Mittermaier: http://biergartensplitter.wordpress.com/

Über Patricia Dudeck

Ich habe Schreibhunger.

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