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Geschichten aus Belgien

Exodus – Der Traum der Cristina Barontini


Valerio Torre und Cristina Barontini Foto: pa

Valerio Torre und Cristina Barontini Foto: pa

Als kleines Mädchen hatte Cristina Barontini einen Traum. Sie spielte in der toskanischen Küche ihrer Eltern Barbesitzerin: Jeder in der Gegend würde sie kennen, und sie die Geschichte jedes Gastes. Ihr Traum wurde wahr – 20 Jahre später, nicht in Italien, sondern in Brüssel. Unsere Korrespondentin Patricia Dudeck traf die 28-Jährige und sprach über die Träume der jungen Italiener, die seit der Wirtschaftskrise zu Tausenden aus ihrem Heimatland fliehen, auf der Suche nach Arbeit, wo sie ausharren, bis ihr Staat sie wieder verdient.

Brüssel. Pfeifen und Singen dringt aus der Küche des Canto 21. Valerio Torre freut sich auf seinen Heimaturlaub in der Toskana. Heute am 24. Dezember setzt er sich in den Flieger mit drei italienischen Freunden. Sie alle sind zwischen 20 und 26 Jahre alt und haben ein neues Leben in Belgien begonnen.

Valerio Torre ist erst seit ein paar Wochen in Brüssel. Ein Freund erzählte ihm von der freien Stelle im winzigen Ladenlokal nahe der Königlichen Militärakademie. „Das war meine Chance, die musste ich einfach ergreifen.“ Der 23-Jährige ist ausgebildeter Koch. Diesen Sommer arbeitete er in einem Fischrestaurant am Strand Italiens. Es sind Saisonverträge, auf die sich vor allem junge Leute einlassen. Ihnen fällt es leichter den Touristen nachzureisen. Im Sommer gibt es Arbeit am Strand, im Winter in den Skigebieten Norditaliens.

Ortsgebundene Leute mit Familie haben schlechte Aussicht auf Jobs. Fast 30 Prozent der 15- bis 24-jährigen Italiener sind arbeitslos, zählte die EU. Es gibt zwei Millionen weniger junge Italiener zwischen 15 und 34 Jahren als vor zehn Jahren, sagen italienische Sozialforscher. Grund seien weniger Geburten und vor allem immer mehr Auswanderer mangels Berufschancen.

Valerio Torre wollte unbedingt ins Ausland. Er schrieb Bewerbungen nach Schottland, Spanien und Deutschland. Doch ist es schwer aus der Ferne, „die Leute wollen dich erst sehen“. Das neue Leben in der Europahauptstadt Brüssel genießt er als großes Glück. Sein Französisch verbessert sich schnell, die Vokabeln sind seiner Sprache sehr ähnlich. Er trifft überall seine Landsleute. Doch es habe sich ein unbestimmtes Gefühl eingeschlichen: „Ich habe etwas Wichtiges zurückgelassen, das ich mehr und mehr vermisse.“

Seine Chefin Cristina Barontini kennt diese Sehnsucht nur zu gut. Die toskanischen Käse- und Fleischspezialitäten, der typische orangene Wandanstrich ihres kleinen Lokals, das Palavern mit den zahlreichen italienischen Gästen – all das erinnert die 28-Jährige schwer an die Heimat. „Als wir noch dort lebten, wussten wir die guten Dinge nicht wirklich zu schätzen. Jetzt vermissen wir sie.“

Mit ihrem blauen Fiat 600 kam sie im Herbst 2007 in Brüssel an, wo ihre Familie zwei Jahre zuvor das Restaurant „Toskana 21“ im Sablon-Viertel eröffnete. „In meiner Stadt gab es keinen Job für mich. Nur solche, wo ich bloß eine Nummer in der Personalakte bin.“ Warum Tausende junge aus ihrer Heimat fliehen ist für sie klar: sie sind der schlechten Jobaussichten, wuchernden Lebenshaltungskosten und unglaubwürdigen Politikern überdrüssig. Viele zogen los nach Berlin, London und Barcelona. In Italien sehen sie keine Zukunft.

„Ich fühle mich nicht vom Staat unterstützt und geschützt“, sagt Cristina Barontini. „Die meisten unter 30 bekommen schäbige Verträge.“ Nach ihrem abgebrochenen Linguistikstudium hat sie zwei Jahre in einer Firma gelernt. Alle drei Monate wechselte der Vertrag zwischen Voll- und Teilzeit, gearbeitet hat sie allerdings durchweg Vollzeit. „Sie machen das vorsorglich und nur bei Frauen. Sie müssen Stunden ansammeln nur für den Fall, dass sie schwanger werden. Es ist pervers.“

Beschämend sei es, wie wenig Verantwortung ihre Politiker für die Bürger übernehmen, sagen beide. Valerio klagt: „Sie kümmert bloß, wie sie noch reicher werden und wie sie das Gefängnis umgehen.“ Eine gescheiterte Volksabstimmung im Juni sollte den drei höchsten Ministern Strafimmunität im eigenen Staat bringen. Berlusconis dickem Katalog von Gerichtsprozessen wegen jeder erdenklichen Art von Vergehen hat das italienische Wikipedia einen eigenen Artikel gewidmet. „Es ist eine Schande, was aus dem Traum von Italiens Gründervätern Cavour, Mazzini und Caribaldi geworden ist.“

„Wenn Italien uns zurück will, muss erst gleiches Recht für alle gelten“, fordert Christina. Sie schimpft auch auf Montis neue Regierung. Zwei Wochen debattierten die Politiker über die  Rettung Italiens. Die Bürger müssten hohe Opfer – „ihr Blut“ – bringen, hieß es. „Doch die Politikergehälter schraubten sie nicht zurück.  Sie haben nicht korrekt regiert, dafür müssten die Entscheider genauso bezahlen wie die Bürger, vielleicht sogar mehr.“

Tausende haben Italien verlassen und viele taten es widerwillig. Viele leiden unter einem Trauma durch den Heimatverlust. Hochqualifizierte Leute finden keine angemessene Stelle in Italien, weil so gut wie alle wichtigen Positionen in Krankenhäusern, Universitäten, Banken und Konzernen bereits von den „Raccomandati“ besetzt sind, den empfohlenen Freunden und Verwandten von einflussreichen Leuten. Viele Ärzte wandern daher in die USA und nach Spanien aus, machen sich dort einen Namen. Die Italiener nennen es „fuga de geni“, die Flucht der Genies.

Im Dokumentationsfilm „Italy: love it or leave it“ reisen zwei italienische Filmemacher durch Italien und sammeln Argumente gegen den Wegzug. Eines lautet: Wer abhaut, macht den politischen Falschspielern mehr Platz. Cristina Barontini ist sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst: Bei der jüngsten Wahl sei sie angereist und stimmte gegen Berlusconi. Nur geht das nicht immer.

Die italienische Gemeinschaft in Belgien ist seit jeher groß. Bereits in den 50er Jahren strömten Gastarbeiter aus Italien in die belgischen Kohleminen in Carleroi. Belgiens Premier Elio Di Rupo ist Kind italienischer Einwanderer. Gute traditionelle Küche spricht sich schnell um unter den Landsleuten und Italienfans. Doch auch die Herzlichkeit der charismatischen Italienerin lässt viele wiederkehren. „Es ist, als kämen die Gäste zum Essen zu mir nach Hause. So habe ich es mir immer erträumt“, sagt Cristina Barontini. Das Canto 21 haben ihr Lebensgefährte Marco Barni und sie im Februar gemeinsam eröffnet, nachdem sie zusammen drei Jahre hart im Restaurant der Eltern arbeiteten. Sie steckten all ihre Energie hinein und  wagten mit Hilfe der Familie den Schritt zum eigenen Geschäft.

Für junge Leute mit wenig Startkapital sei es in Belgien leichter eine Gastronomie zu eröffnen als in Italien, erklärt Cristina. Und ihr Traum geht noch weiter: „Ich kehre bestimmt irgendwann zurück nach Italien. Nachdem ich meinen Laden in New York eröffnet habe.“

Über Patricia Dudeck

Ich habe Schreibhunger.

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Exodus – Der Traum der Cristina Barontini

  1. Scharenweise flüchten junge Menschen aus den demolierten Schuldenländern und riskieren den Schritt in fremde Länder, wo vielleicht ein besseres Leben wartet. Wer sich nicht ans Nichtstun gewöhnt, nimmt sein Schicksal selber in die Hand. Doch leider woanders, Pech für seine Heimat: Schlaue Köpfe mit frischen Ideen gehen. Die Alten bleiben zurück. Familien reißen auseinander. Nachwuchs bleibt aus. Die Problemländer sitzen nicht nur auf horrenden Schulden, dazu verlieren sie die Grundlage sozialer Sicherheit und Zukunft.
    Die EU-Kommission winkt etwas hilflos mit dem Zaunpfahl beim Ausruf von Fördergeldern für Projekte zugute von Ausbildung und Jobs junger Menschen. Es bleibt ein stummer Ruf, solange die Länder nicht handeln. Doch sind halbherzige Regierungen nun zumindest öffentlich bloßgestellt: Hinten und vorne mangelt es Staaten an Geld, doch blieben 30 Milliarden Euro im Europäischen Sozialfonds unangetastet. Angesichts dessen bleiben wohlklingende Politikerreden über den „Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit“ leeres Geschwätz. Sie, Schulen und Unternehmen müssen jetzt in die Gänge kommen. Vertrauen und Ehrgeiz der Jugend ist nur mit Aufrichtigkeit zu gewinnen. Das ist eine harte Nuss, doch ohne motivierte Junge, dörrt eine Gesellschaft aus und stirbt. Da hilft dann auch keine Gießkanne mit Geld mehr.

    Verfasst von Patricia Dudeck | April 6, 2012, 22:49

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