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Kurzgeschichten

Hinter Mauern – der Grundton des Ich


Friedliche Bratkartoffeln - cc frederick.s/flickr

Friedliche Bratkartoffeln – cc frederick.s/flickr

Schon allein der Gedanke an „mit“ widerstrebte ihr. Sei mit uns Mensch, bilde mit uns einen Klumpen und sei Mitmensch. Die Beziehung zu ihr und den Mitmenschen war schon immer von Misstrauen gezeichnet. Mitmensch – eine Bezeichnung für das mit-Menschsein. Macht mit beim Menschsein. Sei mit mir Mensch. Sei mit Mensch.

Ihr Blick senkte sich. Sie mochte jetzt nicht Mitmensch sein. Sie fühlte sich unsicher unter den anderen in der Konzertsaalkneipe. Ihre Gabel stocherte geschäftig in den Bratkartoffeln. Friedlich lagen sie dort auf dem Teller. Ja nicht hochschauen. Es war ihr, als schaute die Sängerin zu ihr herüber. Warum spricht sie sie nicht an? Zu spät. Sie hatte selber eine Mauer aus Schweigen und Überblicken gebaut. Offensichtliches verstecktes Vorbeischauen. Warum spricht sie sie nicht an? Ihre schweifenden Blicke erspähten heiteres Beisammensein. Sie fühlt sich ausgegrenzt, durch sich selbst.

Egal. Allein lebt es sich doch einfacher. Keine Diskussionen. Sie musste nicht herumschreien, wenn sie sich nicht verstanden fühlte. Sie konnte nicht enttäuscht werden.

Die Sängerin strich sich durchs Haar, als sie sich nach hinten lehnt, lacht und in ihre Richtung sah.

Sie stürzte ihren Blick in ihre Handtasche. Es muss doch da drin sein… – gut, die Sängerin schaute weg. Sie konnte aufhören sinnlos zu wühlen. Sie ließ ihren Blick schweifen.

Links neben ihr ein großer Tisch fröhlicher Menschen. Sie sehen zufrieden aus mit ihren stumpf abgeschnittenen Ponys und den Nietengürteln. Einen Tisch weiter ein Mann und eine Frau getrennt durch eine weiße Kerze. Der Aschenbecher wandert von einer Hand des Mannes zur anderen. Sein Bein hibbelt nervös. Die Frau blickt erwartungsvoll in ihr Rotweinglas. Sie möchte gerne, dass er ihr Mitmensch wird. Um gemeinsam die Freizeit zu verbringen. Und sich später darüber zu streiten, wer wem nicht genug Freiraum lässt.

Sie seufzte laut und stützte ihren gedankenschweren Kopf auf die Faust.

Plötzlich ertönt ein wildes Gemetzel aus Polyphonen. Jemand wird durch sein Handyklingeln zur spontanen Kommunikation aufgefordert. Bereitwillig lässt er die Musik noch einen Moment länger läuten. Mit einem Lächeln der Genugtuung nimmt er das Gespräch an. Doch das Lächeln entgleitet. Die Person am anderen Ende der Leitung scheint etwas von ihm erwartet zu haben, dass er nicht bereit war zu geben. „Nein, ich habe dir doch gesagt ich gehe noch einmal weg. – Doch, das habe ich, du hast nicht zugehört. Führ‘ dich nicht auf. Jedes Mal. Nein, wir reden später. Ich melde mich.“ Sein Daumen krümmt sich, um auf dem Mobiltelefon den Knopf zu drücken. Genervter Blick. Er setzt das Weizenglas an den Mund. Mitmensch sein, ist anstrengend. Schnell mutiert man zum Alleinunterhalter.

Ihr Kopf schmerzte schon den ganzen Tag. Es hatte sich langsam alles hinter ihrer Stirn zusammengezogen und pulsierte krampfartig. Ein stechender Schmerz vom Nasenbein hoch ins vordere Hirn. Je nachdem, wie sie den Kopf hielt wurde es schlimmer, doch nie besser. „Warum schaust du denn so ernst?“ – „Ich habe Kopfschmerzen.“ – „Du hast auch immer etwas. Dein Leben muss ja ziemlich scheiße sein, wenn du immer so leidest. Warum bist du noch nicht aus dem Fenster gesprungen? Lohnt sich doch nicht, wenn alles so schrecklich für dich ist.“

Sie schließt ihre Augen und stellte sich vor, weit weg zu sein. Irgendwo allein. An einem weiten Strand am Meer oder einem großen See. Dem Wasser lauschen. So muss sich das doch anhören, da drin im Mutterbauch. Wie in der Badewanne Kopf unter Wasser. Ein dumpfes Rauschen, das Rauschen im Kopf. Das Eigengeräusch. Der Grundton des Ich.

In ihrer Jugend war sie immer mit sich alleine. Und es war gut. Oder verklärte sie da etwas? Später fing sie an, andere Menschen zu treffen und sie zu ihrem Grundbedürfnis zu machen. Von da an war sie nicht mehr gerne alleine. Dann überkam sie Angst. Vielleicht weil sie nicht mehr mit sich selber sprach.

Die Sängerin stand auf und ging mit ihrem Pianisten. Zurück bleibt sie mit einem Gefühl hinter Mauern.

Über Patricia Dudeck

Ich habe Schreibhunger.

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