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Kurzgeschichten

Tausend Meter tief – Von der Seetangfrau


Tausend Meter tief - cc Benjamin Menne/flickr

Tausend Meter tief – cc Benjamin Menne/flickr

Eine weiße Leinwand mit den schwarzen Tuschekonturen von Tieren: Ein Eisbär, Pelikane, Wasservögel, Seehunde. Ich fange an, sie auszumalen in Pastelltönen. Mit dem ersten Pinselstrich erwachen sie zum Leben und ich bin Teil ihrer Welt.

Mit ihnen treibe ich auf einer Eisscholle auf offener See. Die Tiere sehen ausgemergelt aus – schlapp liegen sie kreuz und quer übereinander. Müde und mitgenommen. Bevor ich den Grund dafür herausfinden kann und noch in dem Moment, wo ich überlege, ob der Eisbär mich fressen würde, setzt ein Orkan ein und Krähengeschrei.

Riesige Vogelschwärme treibt der Sturm vor sich her und fegt sie durcheinander. Die gefiederten Körper zischen dicht an meinem Kopf vorbei – ohrenbetäubendes Gekreische. Der Sturm reißt die Vögel und alle Tiere von der Eisscholle. Auch mich reißt es mit Wucht von der Schollenkante ins kalte Meer. Ich sinke.

Tiefer, das Meer ist grün und blau und schwarz. Dort unter lauert etwas, das ahne ich. Groß und schrecklich. Die Kälte lähmt meine Glieder. Ich sinke tiefer und erwarte das Aus.

Um mich herum sinken Tiere. Der Meereskörper drückt auf unsere Lungen. Allein die Luftblasen treiben nach oben. Neben mir schwebt der Eisbär. Wie durch einen Schleier sehe ich ihn, wie in Zeitlupe. Da bewegt er seine riesige Pranke. Ich schließe meine Augen.

Doch statt stechendem Schmerz, spüre ich sanften Druck. Er schiebt mich hinauf, zurück an die Wasseroberfläche. Wo ich treibe, eine Weile völlig allein.

Plötzlich ist da ein Schwimmbeckenrand. In greifbarer Nähe. Ich stemme mich mit letzter Kraft meiner Arme hoch und ziehe meine schweren Beine aus dem Wasser.

Das Meer hat sich innerhalb eines Augenaufschlags zu einem mittelgroßen Hallenbad verwandelt. Fünfundzwanzigmeterbahnen doch immer noch tausend Meter tief.

Ich ziehe mich an den Querstreben der Glasfront hoch. Der Hallenboden entfernt sich mit jedem Klimmzug tiefer unter mir. Einige Fenster stehen offen. Draußen in der Frühlingssonne blühende Bäume und die Vögel singen.

Doch ich bleibe auf einen schmalen Fenstervorsprung drinnen ins Halbdunkel gekauert. Etwas in mir lässt mich ausharren. Ich spüre, wie sich mir jedes einzelne winzige Nackenhaar aufstellt. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Die dunkle Wasseroberfläche beginnt sich zu kräuseln. Die Glasscheiben vibrieren. Das Gestänge schlägt gegeneinander. Die Halle bebt.

Das Wasser schäumt, bevor plötzlich etwas Gewaltiges durch die Wasserfläche bricht und den Beckeninhalt mit sich empor reißt. Es wächst wie ein mächtiger Berg aus der Tiefe. Für einen Walfisch scheint es zu riesig. Wasserfälle stürzen vom höchsten Punkt zurück hinab, verschleiern die Sicht und schlagen unten ohrenbetäubend auf.

Aus diesem Vulkan aus Wasser springt ein menschenähnlicher Körper auf den Beckenrand und von dort aus gegen die Hallenwand, wo seine Hände und Füße wie mit Saugnäpfen Halt finden. Mühelos bewegt es sich an der Wand entlang auf mich zu. Die Bewegungen geschmeidig, weiblich, grazil, wie die Katzenfrau aus Batman. Doch statt des schwarzen Lack und Leders ist sie über und über mit Seetang, und Algen umschlungen, auch ihr Gesicht.

Sie kommt auf mich zu, so nah bis ich ihren Atem in meinem Gesicht spüre.

Sie spricht wie eine Schamanin, weise Jahrhunderte alt. Sie macht mir klar, dass sie mich auf der Stelle quälen, zerquetschen, töten könnte. Geduldig höre ich ihr zu. Erstaunlich ruhig. Und sie lässt mich sein.

Sie kommt mir vor, wie aus den dunklen Kellergewölben, die ich in meinen Träumen scheue. Wenn Treppen hinab führen, fliehe ich in die Höhe und raus aus den Fenstern, die Freiheit verheißen, über Mauern und Dächer bis schließlich doch stets eine unüberwindbare Häuserschlucht mir den Weg abschnitt.

Doch dieses Mal stellte ich mich dem Kommenden aus der Tiefe. Und ergab mich der Bewegung. Geführt von Verbündeten. Und es zeigte sich in all seiner Macht und Kraft und Gewalt. Ohne mir Leid anzutun. Von ganz eigener Schönheit.

Über Patricia Dudeck

Ich habe Schreibhunger.

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