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Kurzgeschichten

Bloß ihr Atem


Nebel Foto: j_aigner/flickr

Nebel Foto: j_aigner/flickr

Nebel hängt noch in den Wiesen. Die Straße vor ihr verschwimmt zu  einer grauen Masse in den Schwaden. Die Schlusslichter des Wagens vor ihr schimmern als fahle Punkte. Der Nachrichtensprecher spricht von weiteren Schneefällen am Mittag. Noch fünfzehn Minuten bis zum Büro. Doch sie lenkt den Wagen plötzlich nach rechts auf einen Waldweg und hält an. Sie dreht den Zündschlüssel. Motor und Radio verstummen. Stille. Bloß ihr Atem, der die langsam abkühlende Scheibe beschlagen lässt.

So viele Fragen. So viel Worte zu sagen. So viele Nachrichten zu melden. Immer wieder, unendlich viel. Die Kunst ist, sich selbst nicht zu verlieren in der Flut von Informationen und Wichtigkeiten.

-Ich bin mir wichtig. Nichts wichtiger als die Gesundheit meines Geistes. Ohne die kann ich nicht sein.-

Sie greift in die Handtasche auf dem Beifahrersitz. Ihre Finger suchen nach einer viereckigen Schachtel aus dünnem Karton. Etwas zerknautscht. An einer Seite schon eingerissen. Die Zigarette, die sie aus der Schachtel zieht, tut ihrer Lunge nicht gut. Schon seit einigen Tagen plagt sie ein Hustenreiz, der stärker wird, wenn sie traurig ist.

Heute ist sie nicht traurig. Alles ist okay. Sie zieht am Filter und inhaliert den weißen Rauch tief. Sie lehnt den Kopf zurück und schließt die Augen. -Stille und Ich.-

Noch nicht ganz aufgeraucht drückt sie den Glimmstängel aus. -Das bringt doch auch nichts.-

-Ich mit mir selbst. Und es ist okay. Mehr brauche ich nicht. Das ist gut. Ich genüge mir selbst. Wenn das wahr ist, kann ich auch anderen sagen, wer ich bin. Mein Standpunkt bin ich. Auf meinen Füßen. Im Gleichgewicht. Das bin Ich.-

Sie öffnet die Tür, zieht die Handschuhe über die Finger und schließt den Wagen.

-Kalte, klare Luft strömt durch die Nase. In mich. Die Kälte auf der Haut fühlt sich gut an. Ich lebe. Und die Welt ist um mich herum.-

Ins Auto, fünfzehn Minuten bis zum Büro. Weitermachen.

Über Patricia Dudeck

Ich habe Schreibhunger.

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Bloß ihr Atem

  1. Ein Mensch muss es können: allein sein mit zich selbst! Und es ist nötig zich selbst lieb zu haben, dann erst kann mann die Andere echt lieben. Ich habe Dass gelernt von Gott – Er sagte: „Ich habe Dich lieb, du bist meine Tochter“ – dann muss ich ja auch mich selbst lieb haben! Er hat dass Allerliebste, Sein einigen Sohn, für mich lassen sterben, Seine Liebe ist ganz echt!
    Liebe dich auch. Elvira

    Verfasst von elvira2013 | Januar 30, 2013, 17:47

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